MEIN FREUND SALIM

von Uticha Marmon
Magellan Verlag   ISBN 978-3-73484-010-4

Hannes jüngere Schwester Tammi lässt sich gerne Geschichten von ihm erzählen. Am liebsten hört sie die Abenteuer von Huckleberry Finn. Die kann er nämlich auswendig, so oft hat er sie gelesen. Aber jetzt möchte Tammi eine andere Geschichte hören, nämlich die vom Vogeljungen. Das ist eine Geschichte, die sie beide erlebt haben.
Angefangen hat alles auf dem Spielplatz. Dort sitzt eines Tages ein fremder Junge, der sich sehr merkwürdig verhält. Auch seine Jacke fällt sofort auf, sie ist ihm zu klein und hat hintendrauf zwei Vögel aus rosa Glitzersteinen. Er sitzt auf dem Dach des Spielhäuschens und starrt in ein Buch, ohne umzublättern.
Aber noch erstaunlicher ist die Reaktion dieses Jungen, als es auf der Straße einen lauten Knall gibt, eine Fehlzündung eines vorbeifahrenden Autos.
„Der Vogeljunge hockte nicht mehr auf dem Spielhäuschen. Stattdessen lag er neben dem Häuschen im Sand. Mit dem Gesicht nach unten und den Händen auf den Ohren. Die Vögel auf seinem Rücken zitterten leicht, als wollten sie jeden Augenblick davonfliegen…
Hannes und Tammi versuchen, mit dem Jungen Kontakt aufzunehmen. Das wird schwierig, denn er spricht kein einziges Wort Deutsch. Sein Buch, das er bei der Fehlzündung weggeworfen hat, ist in fremden Zeichen geschrieben, es ist die Geschichte von Huckleberry Finn. Und als die Kinder versuchen, seinen Namen zu erfragen, nennt er sich Huck.
Huck taucht immer öfter in der Nähe ihrer Schule auf, aber den Geschwistern gelingt es kaum, mehr über ihn zu erfahren. Er trägt immer dasselbe, scheint allein zu sein und die Schule zu schwänzen. Als die Kinder ihn heimlich für ein Schulprojekt mitmachen und ihn Bilder malen lassen, entdecken sie in seinen Bildern sonderbare Details. Vielleicht hat er ein Geheimnis, das er niemandem erzählen kann, vermutet Tammi. Nach und nach erfahren die Geschwister, dass er Salim heißt, im Piratenboot schläft, und warum er immer ganz allein am Schulzaun steht. Warum er sich versteckt, in Schränken und auf dem Spielplatz. Und warum er so fürchterliche Angst hat.
Salim ist aus Syrien geflohen. Auf dem langen Weg nach Europa hat er seine Familie verloren, von der er nur weiβ, dass sie irgendwo im Norden sind. Mit wenigen Englischbrocken und vielen von Salim gemalten Bildern erfahren die Kinder, welche abenteuerliche Flucht Salim hinter sich hat. Und können ihm anhand seiner Zeichnungen zeigen, dass seine  Eltern und seine Schwester wahrscheinlich in Schweden sind. Am nächsten Morgen ist Salim nicht mehr da – nur noch ein Bild der Freunde mit ihm in der Mitte  und das Buch hat er zurückgelassen.
Das Ende ist offen, aber es lässt Helden und Leser hoffnungsvoll zurück. Die Autorin schildert einfühlsam, welches Wechselbad der Gefühle sowohl einheimische als auch Flüchtlingskinder beim gegenseitigen Kennenlernen durchleben.
Uticha Marmon ist in Berlin geboren. Sie studierte Dramaturgie, Vergleichende Literaturwissenschaft und Pädagogik in Mainz, Wien und an der Bayerischen Theaterakademie. Nach einer zweijährigen Tätigkeit als Dramaturgie-Assistentin an den Münchner Kammerspielen, verbrachte sie mehrere Jahre im Lektorat des Hamburger Hörbuchverlags Jumbo Neue Medien. Heute arbeitet Uticha Marmon als freiberufliche Dramaturgin, Lektorin und Autorin von Kinder- und Jugendbüchern.

Wir empfehlen „Mein Freund Salim“ für Leserinnen und Leser ab 9 Jahren.

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